Wenn man schläft, wer sagt einem dann eigentlich, dass man alles, was sich bis dahin im Kopf angesammelt hat, auch wirklich erlebt hat? Wie unterscheidet man noch zwischen Traum und Wirklichkeit, wenn alles was einem bleibt die Erinnerung ist, die nach und nach verblasst.
So wie es Träume eben auch tun?
Das perfekte Wochenende beginnt nicht an einem Samstag. Auch nicht an einem Freitag. Es beginnt bereits an einem Donnerstag.
Du kommst von der Universität nach Hause. Es ist schon dunkel draußen. Der Schnee liegt dick und frostig zu deinen Füssen und verheißt die Ankunft des Winters. Als du den Schlüssel im Schloss rumdrehst, hörst du Stimmen die von einem Lachen unterlegt sind.
Der Mitbewohner hat seine Freundin zu Besuch und der Nachbar von unten drunter hat Wein mitgebracht, um es sich auf eurer Couch gemütlich zu machen. Du gibst ein "Hey" in die Runde und bekommst, noch ehe du dich deiner Jacke entledigt hast, ein Glas Rotwein in die Hand gedrückt. Du hast aber nicht viel Zeit. Heute Abend ist noch ein Termin auf den du nicht so wirklich Lust hast. Aber auch nur, weil du gleich wieder raus in die Kälte musst. Lieber würdest du hier sitzen bleiben und Wein trinken.
Du haust dich nochmal für eine Stunde aufs Ohr, sagst du den anderen. Weil du todmüde bist und nicht vollkommen verschlafen beim Tanzkurs, dem anstehenden Termin, auftauchen willst.
Du wachst auf. Versuchst dich zu erinnern.
Tanzkurs. Auf geht’s. Den Tanzkurs besuchst du ohnehin nur aus einem speziellen Grund, den du deiner Tanzpartnerin aber vorenthältst. Du überbrückst die Zeit beim Tanzen mit ein bisschen blödsinnigem Gerede und ehe du dich versiehst stehst du mit Bekannten in der Kneipe am Campus, weil es nach dem Tanzkurs noch zur alldonnerstäglichen Studentenfeier in der Campuskneipe geht.
Du führst an diesem Abend manch sinnloses Gespräch mit manch noch sinnloserem Menschen. Du feuerst deine üblichen Rauchbomben ab, um für Verwirrung zu sorgen, was deine Person betrifft.
Hier am Studienort, da kennt dich niemand wirklich und jeder denkt sich etwas anderes. Meist das, was du sie in dem Moment wissen lassen willst, damit das passiert, was dir gerade weiterhilft. So ist es auch wieder an diesem Abend. Du erfährst mal wieder mehr über andere als diesen wohl Recht sein kann. Vor allem werden sie es vermutlich am nächsten Morgen schon wieder vergessen haben, dass sie dir Rede und Antwort standen. Du hingegen nicht. Bei dir findet das alles wohlsortiert seinen Platz in deinem Hinterstübchen. Diese Schwäche des Menschen, dass er immer und überall jemand sucht, den er an seinem Leben teilhaben lassen kann, die nutzt du nur Zugern aus. Ohne dabei aber als Freund aufzutreten. Die Leute erzählen dir sogar dann noch alles, wenn du fünf Minuten vorher noch garstig zu ihnen warst. Die wollen einfach reden. Immerzu reden. Am liebsten über sich selbst. Denn jeder ist sich selbst der Nächste.
Als du schließlich an diesem Donnerstag betrunken einschläfst ist das Letzte an das du dich erinnerst, die Frau im Bett, die dich zutextet.
Sie wollen einfach immer reden. Über alles. Und jeden. Meist über sich selbst. Du hörst meistens zu und hältst ihnen dann ihre Fehler vor, in der Hoffnung, dass sie irgendwann weniger reden. Doch das tun sie nicht. Menschen sind eben unverbesserlich.
Du wachst auf. Versuchst dich zu erinnern.
Niemand ist bei dir. Worüber du nicht böse bist. Du hast lange geschlafen an diesem Freitag und von Dingen geträumt die dir viel zu weit weg erscheinen, als dass du ihnen bei klarem Verstand Platz bieten würdest. So ist das erste was dein gemartertes Hirn von sich gibt eine Schnapsidee, die du bis zur nächsten Begegnung mit der Person, die die Idee betrifft, nicht mehr los wirst.
Du checkst im Laufe des Tages den Plan für deine Schnapsidee und deine Mails. Deine Tanzpartnerin hat dir geschrieben. Sie ist vergeblich auf der Suche nach Freundschaft und fragt sogar, ob du nicht Lust hättest sie auf den Weihnachtsball an eurer Hochschule zu begleiten. Immerhin besucht ihr ja auch zusammen denselben Tanzkurs, den man extra dafür veranstaltet.
Doch du bleibst hart. Hast nicht das geringste Interesse an einer Freundschaft mit dieser Person. Du gibst ihr zu verstehen, dass du keinerlei Verpflichtungen eingehen möchtest und es für dich auch nur um das gemeinsame Tanzen im Kurs geht. Es geht dabei noch nicht mal um das Tanzen mit ihr. Du würdest auch mit jeder anderen tanzen um deine Kenntnisse nochmal aufzufrischen. Das hattest du ihr schon einmal gesagt. Wie egal sie dir ist. Aber es ist wohl nichts davon hängen geblieben. Für den Ball hast du vor jemand anderen zu fragen, sagst du ihr.
Entweder mit diesem Menschen oder gar keinem.
Denn du kannst dankend darauf verzichten allen anderen dabei zuzusehen, wie sie ihre Geschlechtsteile übers Tanzparkett jagen, wenn dir niemand zur Seite steht, mit dem du dich darüber lustig machen kannst. Einen ganzen Abend Heuchelei zu ertragen, bei dem jeder so tut, als sei er wegen der Veranstaltung selbst da, aber stattdessen nur darauf aus sein wird, nicht allein nach Hause zu müssen, das braucht einen starken Verbündeten an deiner Seite, davon bist du überzeugt. Denn du willst an diesem Abend nicht mit den Leuten reden müssen, um dir ihre Geschichten anzuhören, wenn jeder nett und freundlich zueinander ist und alle nur „hihi“ und „Ach, siehst du aber toll aus“, machen. Außerdem muss man sich die ganzen Pärchen nicht geben. Die sind zwar in den meisten Fällen nur Tanzpaare, aber das macht die Sache nicht besser. Eigentlich nur noch schlimmer.
Dann fragst du lieber diesen einen Menschen, deinen Favoriten, ob er mit dir hingeht. Ihr würdet euch den ganzen Abend entweder vergnügt in eine Ecke setzen und über den Rest der Welt lachen oder eben hier und da das Tanzbein schwingen um das Ganze mit ein bisschen Alkohol abzurunden. Davon bist du überzeugt.
Und das sie, deine Tanzpartnerin, ganz bestimmt nicht dieser Mensch ist, davon bist du noch viel überzeugter. Eher noch im Gegenteil. Mit ihr an deiner Seite, wärst du zu einem Abend stundenlanger Heuchelei gezwungen. Müsstest dir Dinge anhören die dich nicht interessieren und die dir nicht weiterhelfen. Nachdem du ihr das alles aufgeschrieben hast, geht’s dir besser.
Jetzt da es ihr schlecht geht, weil du wie in einem Amoklauf mit der Wahrheit um dich geschossen hast, fühlst du dich gut.
Das Leid anderer gereicht uns immer irgendwie zum Vorteil. Auch wenn wir uns das nicht eingestehen wollen.
Du setzt Wahrheit und Lüge unterschiedlich ein. Die Wahrheit schwingst du meist wie einen schweren Hammer, der immer dann niederfährt, wenn dir gerade danach ist, jemanden in deiner Gegenwart auf Distanz zu halten. Die Lüge hingegen ist das schmeichlerische Gegenteil. Sie ist weniger hässlich und bringt die Menschen einander näher. Lügen sind meist die Zukunft einer jeden unaufrichtigen Beziehung zwischen zwei Menschen, in der jeder nur seinen Vorteil sucht. So wie sie jeden Tag zu Millionen geknüpft werden.
Aber wenn man die Wahrheit einsetzt um sich einem anderen Menschen näher zu bringen, dann hält das besser als jede Lüge der Welt.
Mit einer guten Lüge kann man zwar alles erreichen aber nichts was einen glücklich macht. Will man wirklich glücklich mit anderen Menschen werden, dann bleibt einem nur die Ehrlichkeit. Aber insofern man seinen Gegenüber nicht gerade irgendwie liebt, dient die Wahrheit dann meist nur dazu um zu verletzen. Und darin bist du sehr gut. Denn die meisten Menschen sind dir ohnehin egal.
Du wachst auf. Versuchst dich zu erinnern.
Es ist Samstag. Samstag fährst du endlich heim. Mitbewohner und Freundin sind schon gestern nach Hause. Du bist ganz allein als du aufwachst. So wie du es meistens bist. Egal ob du gerade aufwachst, schlafen gehst oder sonst was machst. Allein bist du.
Du packst deine Sachen, stapfst durch den tauenden Schnee und freust dich einfach nur darauf, endlich wieder die Menschen zu treffen, die dir so unheimlich gut tun. Als du am Bahnhof auf den Zug wartest, pfeift der Wind dir um die Ohren, das in der Nachbarschaft befindliche Kraftwerk brummt monoton vor sich hin, die Autobahn in der Nähe rauscht unaufhörlich und alles ist nass und kalt und überhaupt einfach nur eklig. Hier sterben die Erwartungen massenweise. So fühlt es sich an, an diesem trostlosen Ort der Weltgeschichte, der so abseits liegt, dass du dich jedes Mal, wenn du wieder hierher zurück kehrst, dafür verfluchst, dass du ihn überhaupt aufgesucht hast. Eigentlich willst du hier noch nicht mal tot über dem Gartenzaun liegen. Aber bald ist es ja geschafft, dann kommst du hier dauerhaft weg und dann wird es nichts geben, was dich hierher zurück bringt. Gar nichts.
Wenn du später aus dem Zug aussteigst und diese leicht modrige Stadtluft, bestehend aus Autoabgasen, Müll und viel zu vielen Menschen, dir am Bahnhof deiner Heimatstadt entgegenschlägt, fühlst du dich mit einem Mal wohler als du es an deinem Studienort jemals sein könntest. Hier kann man es aushalten. Mehr als das: hier lebt man auf. Du zumindest.
Du stellst dein Gepäck im Elternhaus ab und wartest auf den Abend. Über die Fußballspiele im Nachmittagsprogramm schläfst du ein.
Du wachst auf. Versuchst dich zu erinnern.
Viel passiert an diesem Wochenende nicht mehr. Denkst du.
Du triffst dich mit deiner kleinen Schwester, die dich zum Essen eingeladen hat. Sie wohnt schon lange nicht mehr daheim, genau wie du. Sie lebt seit Jahren mit ihrem Freund zusammen.
Du lebst einfach seit Jahren nicht mehr zuhause.
Du erzählst ihr alles, wofür du die letzten Wochen zu faul zum Schreiben warst. Und das ist viel. Nebenbei ist dein Handy ständig gefragt, weil du dir mit ihr, deiner Nummer 1, ein paar SMS hin und her schreibst. Sie arbeitet im Moment aber hat vielleicht später noch Zeit.
Du erzählst deiner kleinen Schwester auch von der Sache mit der Tanzpartnerin. Deine Schwester lacht nur, schüttelt den Kopf und meint, dass du vielleicht noch deutlicher werden musst, damit sie es endlich kapiert.
„Ja, vielleicht“, sagst du. Keine Anklage ihrerseits. Stattdessen wirst du auch noch bestärkt in deinem Verhalten. Also wirst du das vermutlich, mit der Rückendeckung, die du jetzt hast, auch beim nächsten Mal tun.
Als ihr euch voneinander verabschiedet ist es noch früh genug um auch noch deinen kleinen Bruder besuchen zu gehen. Ihr trinkt ein, zwei Bier, quatscht ein bisschen dummes Zeug. Mit seiner Freundin ist immer noch alles bestens. Er wohnt auch schon lange nicht mehr zuhause. Lebt sein eigenes Leben. Weitestgehend. Noch einer weniger, der deine Hilfe braucht. Im Grunde bist du vollkommen überflüssig. Die beiden leben ihr Leben zur Not auch ohne dich, wollen dich aber so gut es geht daran teilhaben lassen. Aber wenn du mal nicht mehr bist, dann drehen sich ihre Welten weiter, davon bist du überzeugt.
Du erzählst auch deinem kleinen Bruder alles Mögliche an Neuigkeiten. Ihr tauscht den aktuellsten Klatsch und Tratsch aus. Auch er bestärkt dich noch einmal darin, deiner Tanzpartnerin ruhig noch deutlicher zu sagen, dass du keinerlei Interesse an einer wie auch immer gearteten Beziehung hast, die über das Tanzen hinausgeht.
Und dich nennen sie das Arschloch, denkst du dir, während deine beiden besten Freunde, dein Bruder und deine Schwester, dir ein sanftmütiges Zeugnis ausstellen.
Dein Handy brummt wieder. Es ist Nummer 1. Sie schreibt, sie hat in einer halben Stunde Feierabend. Man könnte sich ja noch treffen.
Du sagst deinem kleinen Bruder, dass du dann jetzt los musst. Du würdest dich wieder melden, wenn du in der Stadt bist. Der Rest des Abschieds ist der Gleiche, wie der mit deiner Schwester.
Er soll auf sich aufpassen und wenn was ist, dann soll er sich melden.
Doch er wird sich nicht melden. Denn es wird nichts sein, wofür er deiner Hilfe Bedarf. Genauso wenig, wie sie sich melden wird. Beide leben halt ihr Leben. Du kommst darin zwar vor, doch du bist darin nicht so wichtig. Du machst ihnen das auch nicht zum Vorwurf, sondern unterstützt sie darin auch noch. Immerhin haben beide ihren Partner und davon abgesehen ist es ja auch nicht so als könntest du nicht mit allem was dich bedrückt zu ihnen gehen.
Wenn was ist, dann sind sie für dich da, das haben sie schon mehr als einmal bewiesen.
Du und Nummer 1, ihr habt euch für einen kleinen Spaziergang verabredet. Einfach ein bisschen spazieren gehen. Das könnt ihr zwei am besten. Es ist eigentlich scheißkalt und nass, aber das stört euch beide nicht. Ihr wandert einmal von ihrer Haustür zum McDonald’s und wieder zurück. An eurem Zwischenstopp gibt’s zwei Kakao und sie ist fast ununterbrochen am Reden.
Wie alle anderen Menschen auch, erzählt sie am liebsten über sich. Doch ihr hörst du gerne dabei zu. Du versuchst dir alles zu merken, machst Anmerkungen und erhebst Einwände. Du kannst dir aber unmöglich alles merken, was sie sagt. Dafür ist es einfach viel zu viel.
Ihr habt euch länger nicht mehr gesehen oder richtig gesprochen, deshalb ist auch noch genug Gesprächsstoff für den langen Rückweg übrig. Schließlich kommst du auch in Fahrt und erzählst ihr, was es neues gibt. So sehr wie gegenüber Bruder und Schwester gehst du nichts ins Detail. Alles muss sie nicht wissen, doch du bleibst so ehrlich wie möglich. Nur hin und wieder, da verschweigst du was.
Schließlich steht ihr bei ihr vor der Haustür. Es ist schon spät. Du wolltest schon seit zwei Stunden im Bett sein. Morgen musst du unheimlich früh zurück fahren, weil du mittags noch einen Termin am Studienort hast, bei dem sich andere auf dich verlassen.
Sie fragt, ob du noch mit rauf kommen willst, die Bilder von dem letzten Wochenendtrip gucken. Dein Herz sagt ja, dein Kopf sagt nein. Deine Zunge entscheidet sich für die Botschaft aus dem Herz. Schlafen kannst du auch noch, wenn du tot bist, denkst du dir.
Oben angekommen sagt sie, dass du in den Keller gehen sollst, Wein holen. Sie zieht sich in der Zeit etwas Bequemeres an. Als du wieder oben ankommst, steht sie in grauen Schlabberklamotten vor dir. Die pinken Streifen auf ihrer Jogginghose wirken auffällig, jedoch nicht so auffällig, wie ihre Zahnpastaflecken auf dem grauen Oberteil, das ihr über die eine Schulter hängt. Mit der Zahnbürste im Mund steht sie im Flur.
„Warum putzt du dir die Zähne?“, fragst du, auf die Weinflaschen in deiner Hand zeigend.
„Ich hab vergessen, dass du da bist“, sagt sie zahnpastaschäumend, „und dachte ich wollte mich bettfertig machen, nachdem ich schon mal meinen Schlafanzug anhabe.“
Du schüttelst grinsend den Kopf. Ein Mensch, der schusseliger ist als sie, den kennst du nicht.
„Geh schon mal in mein Zimmer, ich komm gleich.“
Gesagt, getan.
Ihr Kater schleicht um dich herum, während du ihr Bücherregal begutachtest und wahllos das ein oder andere Buch durchblätterst. Sie schiebt eine DVD in den Player und fängt schließlich an dir Bilder zu zeigen. Zu jedem Bild hat sie wieder eine kleine Geschichte parat, der du versuchst so gut es geht zu folgen. Du machst wieder Anmerkungen und erzählst ebenfalls Geschichten und irgendwann werden die Bilder immer nebensächlicher.
„Was machst du an Silvester“, fragst du sie. Deine Schnapsidee will endlich raus.
„Wahrscheinlich arbeiten, wie jedes Jahr. Warum?“
„Du kannst nicht irgendwie tauschen, oder so?“
„Ich glaube nicht, dass ich jemanden für Silvester finde. Warum denn?“
„Wir hätten nach Paris fahren können.“
Du erzählst ihr von deiner Idee. Hattest alles schon genau geplant und ausgearbeitet. Am Ende ist sie fast beleidigt, weil es nicht funktionieren wird und du ihr jetzt den Floh ins Ohr gesetzt hast. Für den Ball hat sie auch keine Zeit. Da muss sie auch arbeiten. Auch wenn sie sich das spaßig vorgestellt hätte. Mit Ballkleid, ein bisschen tanzen und viel trinken.
Sie drückt dir irgendwann die Fernbedienung in die Hand und sagt, du müsstest jetzt immer die Bilder weiterschalten, weil sie sich ja schon die ganze Zeit verausgabt, ständig die passende Geschichte dazu zu erzählen.
Sie lehnt sich zurück und während ihr versucht den Wein leer zu machen und immer betrunkener werdet, erzählt sie immer noch genug zu jedem Bild, so dass ihr beide nicht merkt, wie ihr irgendwann eingeschlafen seid.
Du wachst auf. Versuchst dich zu erinnern.
Irgendwas bohrt sich gerade in deinen Bauch. Du guckst an dir runter. Es ist so hell draußen, dass es viel zu spät ist um heute noch pünktlich zu deinem Termin zu kommen.
Dein erster Gedanke ist: du bist nicht dort, wo du sein solltest.
Dein zweiter Gedanke ist: du bist genau da, wo du sein willst.
Scheiß auf den Rest der Welt. Der ist hier noch viel weniger von Bedeutung als er es schon im Normalfall ist. Du bist bei ihr. Das entspannt dich mehr als alles andere.
Dir steigt dieser angenehme Duft in die Nase, den du über alles andere liebst.
Neben dem Arm auf deiner Brust tappst ihr Kater auf deinem Bauch rum und versucht es sich gemütlich zu machen. Der Arm gehört Nummer 1. Wenn man genau hinhört, kann man sie ein bisschen schnarchen hören. Allerdings wirklich nur ein kleines bisschen. Muss am Wein liegen, denkst du dir, ehe du feststellst, dass es mit zu den angenehmsten Geräuschen gehört, die du dir vorstellen kannst.
Du versuchst ihre Zahnpastaflecken auf dem Shirt zu zählen, kommst aber nicht weit, weil das Meiste von ihr unter der Decke liegt unter der du ebenfalls liegst. Du hast deine Klamotten noch an und sie muss dich zugedeckt haben.
Du richtest dich auf. Willst möglichst geräuschlos gehen. Sie wacht auf und guckt dich an.
„Wie viel Uhr?“, will sie verschlafen wissen.
Du guckst selbst das erste Mal nach. Es ist kurz nach neun. Eigentlich wolltest du schon auf der Rückfahrt in den Studienort sein. Du hast vielleicht vier Stunden geschlafen. Viel zu wenig, wenn man den Kater mit einrechnet, den du vom Wein hast.
„Das ist ja viel zu früh“, gähnt sie dich an.
„Ich muss trotzdem gehen“, sagst du leise.
Sie winkt dir müde zu, sagt dir, dass man sich nächstes Wochenende sieht, wenn du wieder da bist und du machst dich auf zum alten Elternhaus, wo du eigentlich übernachten wolltest, packst deine Sachen und versuchst die Rückreise anzutreten. Doch es ist Sonntag. Es wird zur Tortur. Busse und Züge machen nicht das was sie sollen. Dein Termin für heute ist sowas von in die Hose gegangen. Aber dir ist das egal.
Irgendwann sitzt du im Zug. Du nickst kurz ein.
Du wachst auf. Versuchst dich zu erinnern.
Draußen ist es schon wieder dunkel. Der Zug zuckelt gemütlich durch die Landschaft, draußen regnet es. Du kannst draußen nichts erkennen, nur die Regentropfen die sich ein Wettrennen an der Scheibe liefern.
Du versuchst dich zu erinnern.
War ja eigentlich ein fast perfektes Wochenende.
Oder?
Als du später am Bahnhof aussteigst, ist von diesem Wochenende irgendwie nichts übrig. Außer Erinnerungen...
So romantisch, wie ich mir das vorstelle, so viel Herzschmerz, was ich unglaublich schön finde, wünsch ich dir trotzdem von Herzen, dass Nummer 1 endlich mal die Augen aufmacht, und ihr endlich hemmungslos kitschig miteinander sein könnt, und in einen innigen Kuss versinkt, nachdem ihr über die Welt gelästert habt, und jemandem nen gelben SChneeball an den Kopf geworfen habt :)
AntwortenLöschenHoffentlich findet sie jemanden, der für sie am Tag des Balls und/oder Silvester einspringt.. Sie hat auf jeden Fall nen Scheißjob..
Irgendwie klappen meine eMail-Benachrichtungen nicht mehr...
AntwortenLöschenIch glaube ja, die Augen hat sie schon aufgemacht und dabei festgestellt, dass ich nicht das bin, was sie sucht. Kann man ihr auch nicht Übel nehmen.
Immerhin war sie in dem Punkt immer ehrlich und hat nie versucht mir etwas vorzumachen, was eh nicht da war. Ich bin ihr nie so wichtig gewesen, wie sie mir. Vielleicht hätte das wachsen können, wenn man einen weiteren Schritt gewagt hätte oder es wagen würde...
... aber ich glaube nicht, dass das noch passiert.
Details dazu kannst du ja der eMail von heute Abend entnehmen^^